Lesen

Normal habe ich die letzten Jahre jährlich eine Liste der Bücher geführt, die ich monatlich gelesen habe. Im Laufe des letzten Jahres oder vielleicht sogar schon des Jahres zuvor, zweifelte ich an meiner grundsätzlichen Herangehensweise ans Lesen.
Ausgehend von den Zeiten meiner Jugend las ich relativ viel, mit Minimalzielen pro Tag von 50 bis 100 Seiten, die ich unbedingt schaffen musste. Alles, was ich darüberhinaus las, war ein willkommener Bonus, jede Seite fühlte sich wie ein Sieg an. Nur irgendwann fragte ich mich, was es bringt, Buch nach Buch nach Buch zu lesen; Siege fühlten sich nicht mehr wie Siege an, alle Zeit war eine verschwendete. Dazu muss man auch sehen, dass ich früher wirklich jedes Buch beendet habe, egal wie schlecht es auch gewesen sein mag. Notfalls raste ich reichlich oberflächlich durch das Buch, aber doch, ich las es. Mir kam lesen dann mit der Zeit materialistisch vor. Ich zählte ständig Seiten, ich zählte die gelesenen Bücher pro Monat und pro Jahr, und augenscheinlich las ich nur noch um zu sammeln. Ich häufte mehr und mehr Bücher an, die zu lesen ich mit meinem bisherigen Pensum nicht schaffen konnte und frage mich, wie ich noch mehr lesen könnte. Von der Uni aus musste ich ebenfalls viel lesen, und ich, der ich schon in der Schule nie Disziplin aufbringen konnte und noch dazu keine Bücher lesen mochte, die mir von außen aufgezwungen wurden, sah mich plötzlich im falschen Studiengang.
Hatte ich nicht vorher gewusst, dass ich viel lesen sollte? Ich wollte meinem Studium gerecht werden, meinen eigenen Leseneigungen gerecht werden, wollte schreiben und manchmal einfach nur nichts tun. Über die Jahre gewöhnte ich mir ab, was mir zuvor half, mich selbst zu definieren. Du ertappst dich dann dabei, neue, bessere Lebensinhalte zu suchen, alles mit irgendeiner Logik erklären zu wollen; zuerst nur für das Studium, dann nur für die Sprachen, dann nur für Schach, Zweifel während all der Zeit und zuletzt: die Erinnerung von Sand zwischen den Fingern.
Immer wenn ich zurückfinde, verliere ich mich zugleich.
Nun habe ich mich entschlossen, eine Leseliste anzulegen wie früher, und sogleich packt mich der Ehrgeiz:

März:

1. Nadja Küchenmeister: Alle Lichter
2. Ernest Hemingway: Paris – Ein Fest fürs Leben
3. Nadja Küchenmeister: Unter dem Wacholder

Nun lese ich ein Buch, das ich vor einigen Jahren mal in der Uni lesen sollte, aber nie ausgelesen hatte; es ist mir dennoch in Erinnerung geblieben, bis ich es dann irgendwann antiquarisch erwarb: Amitav Ghosh: In einem alten Land.
In einem vorherigen Blogprojekt, bei dem ich mir auch mehr Mühe gegeben hatte, das mich aber seelisch erschöpfte, schrieb ich über die Bücher, die ich gelesen habe.

Auch wenn mir der eigenen Schwächen und der leidvollen Erfahrungen wegen oft der Glaube an Träume und die Realisierbarkeit von Zielen fehlt, spüre ich doch immer wieder das leichte Kribbeln eines Aufbruchs, wenn mir etwas gelingt, das mir etwas bedeutet, das vielleicht auf Chancen hindeutet.

Ich hoffe auf den Frühling, ich mag meine Chance nutzen.

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Langsam gehen, stetig gehen

Aheste borou, hamishe borou. Verliefe der Weg nur geradlinig; nur entsteht der Weg bekanntlich beim Laufen, und wer nicht läuft oder aber kreuz, dann quer…
In der Zwischenzeit habe ich also mal wieder komplett mit Persischlernen aufgehört und stattdessen Schach aufgenommen, wochenlang manisch gerackert, ein Buch namens „Tigersprung auf DWZ 1500 Band 1“ bis zur Hälfte durchgearbeitet, dann aus mir unerfindlichen Gründen wieder aufgehört, ein, zwei Wochen lang nichts auf die Reihe bekommen und nun  habe ich gleichzeitig begonnen wieder ein wenig zu lesen (einen Gedichtband von Nadja Küchenmeister) und Persisch zu lernen. Schach hingegen liegt erneut brach.
Ich bin nicht so ahnungslos, was die Gründe anbelangt, wie ich vorgebe. Tatsächlich ist mein Schaffen mal exzessiv, dann mache ich oftmals wochenlang nichts anderes als eben das, wofür mich die Leidenschaft gepackt hat. Radikal. Mal schlage ich wochenlang nur Zeit tot. Meine Kraft erschöpft sich in diesen Gewaltmärschen, die Flamme meines Ehrgeizes verzehrt sich selbst, niemals zufrieden, niemals schnell und weit genug. In der Vergangenheit versuchte ich auf Ratschläge zu hören, mich zu zügeln, organisierter zu streben, weniger träumen, mehr tun. Aber mein Wesen ist nun mal das des Träumers.
Heute gibt es ein Gewinnspiel bei C.H.Beck, man kann ein Exemplar einer Einführung in die Psychoanalyse gewinnen. Ich zitiere einmal, was der Verlag zitierte: „Laut Siegmund [sic] Freud erzwingt jede Gesellschaft die Unterdrückung bestimmter Affektäußerungen und Triebimpulse, weshalb sich jeder Mensch eines Tages mit der Geschichte seiner eigenen Unterdrückung auseinandersetzen muss.“(Wolfgang Mertens)“ Mir wurde als Kind schon immer (vom Vater her negativ, von der Klassenlehrerin und der Mutter her liebevoll) bescheinigt,  ich sei ein Träumer. Die Härte meines Vaters obsiegte irgendwann, ich veränderte mich und verbot mir das Träumen. Obgleich mich ein unbedarfter Leser auch heute noch als Träumer identifizieren könnte, und letztlich mit Recht, ist dieses Element meines Wesens doch ein unterdrücktes, und ich versuchte späterhin, um erfolgreich zu sein, dieses Element noch weiter zu unterdrücken – ein Irrtum.
Was auch immer letztlich helfen kann, die persönlichen Ziele zu erreichen, die Unterdrückung eigener Neigungen ist nicht wirklich dienlich. Als ich mir das Träumen verbieten wollte, als ich mich anhalten wollte, noch schneller, noch mehr und noch besser zu lesen, da wurde meine Leistung erst besser, dann brach sie ein; heute lese ich kaum noch. Viele der Bücher stehen noch in den Schränken, aber immer noch ist mehr als die Hälfte ungelesen. Ein weiterer Punkt: Als ich noch pausenlos nach Büchern fahndete, sie erwarb oder aus Bücherschränken nahm, war meine Begeisterung ungebrochen, mein Hunger ungestillt. Seit ich mich zurückhalte, schwindet kein Platz mehr in der Wohnung, das Geld geht langsamer zuneige. Doch lese ich kaum noch. Alle rationalen Gründe sprechen für meinen Weg, praktisch aber funktioniert er nicht.

Kaum nehme ich also meine Persisch-Studien wieder auf, taucht (für mich erneut) das Sprichwort: „Aheste borou, hamishe borou“ auf, wörtlich: Geh langsam, geh immer. Wenn ich mich nicht irre, lautet ein weiteres, verwandtes Sprichwort: „Shotor hamishe miravad, shab-o ruz.“ Wörtlich: Das Kamel läuft immer, Tag und Nacht.
Soll ich also stetig gehen, soll ich es machen wie zumeist, eruptiv und gewaltig, dann schweigen, ein Vulkan?

Ein weiterer Gedanke: Mein Wille war früher trainierter. Es gibt ja Menschen, die lesen (angeblich) fünf Bücher an einem Wochenende, freiwillig noch dazu, unentgeltlich.
Ich aber habe ordentlich zu tun (ich bin langsam, ich träume zwischendurch und muss noch einmal lesen), hundert Seiten pro Tag zu schaffen. Die Sache aber ist: Früher schaffte ich das. Ich las jeden einzelnen Tag mindestens diese Anzahl an Seiten und las in einem Jahr, meinem Rekordjahr, etwa 44 Bücher. Im Jahr darauf wollte ich 50 schaffen, aber ich schaffte nicht einmal mehr 40. Da bekam der Glaube erste Risse.
Vielleicht ist zweierlei nötig, so ein wenig die Quadratur des Kreises. Einmal gilt es, die eigene Begrenztheit zu akzeptieren, dann aber auch, sich davon nicht entmutigen und nicht das Träumen verbieten zu lassen. Dass mir der materialistische Ansatz meines Strebens irgendwann zuwider wurde, ist eine andere Geschichte, gleichwohl ist es mir eine Hilfe, wenn ich meinen Fortschritt auf diese Weise messbar mache.

Bis hierhin. Bis dahin.

Ich bin bald bereit für ein New-York-Casting

Ich bin gerade erst mal so richtig ausgeflippt: Ich fahr mit dem Rad auf dem Radstreifen auf eine Kreuzung zu, die Autos dürfen nicht ganz bis nach vorn fahren, Radfahrer haben so ein bisschen Vorfahrt. Natürlich steht der erste Wagen auf dieser für Radfahrer reservierten Poleposition, die Ampel schaltet auf Grün, bevor ich das Auto mit Schwung umkurven könnte (natürlich auch auf meine Gefahr hin), also will ich in die entstehende Lücke, nur lässt mich Arschloch Nummer zwei natürlich nicht hinein, drängt und drängelt und hupt zuletzt. Ich, wie von der Tarantel gebissen, springe vom Fahrrad, brüll zum Auto, die wollen lieber doch nicht aussteigen, fahren weg, die nachfolgende Autofahrerin, nennen wir sie liebevoll Arschloch Nummer drei, will gelangweilt, ich möge Platz machen. Das musst du dir mal geben, da rastet einer aus und dürfte für die Autofahrer klar verständlich sein, ich weise wiederholt auf mein beschissenes Recht gegenüber diesen fossilen Dreckschleudern und ihren Autos hin, aber das juckt diese fetten, bürgerlichen Arschlöcher kein Stück. Da hilft nichts, da hilft nicht auf sein Recht hinzuweisen, da hilft nicht, ihnen „Ihr BESCHEUERTEN!!!“ hinterherzubrüllen.

Ich versuche es im Allgemeinen mit Liebe und Rücksicht, nur die Rücksicht mit Ignoranten will mir partout nicht gelingen, da kommt die Cholère in mir auf.

Mit dem Minimalabstand, den ich nun habe, kommt ein Bild: Alle sind peinlich berührt oder aber gelangweilt-genervt, denken sich: Was für ein Trottel. Das denken und sagen dann plötzlich auch Leute, von denen man das nicht erwartet hätte, selten so viel Einsamkeit. Aber ich weiß letztlich, welche Werte dahinterstehen. Sich still verhalten, angepasst sein, Contenance wahren und schön weiter in die falsche Richtung fahren.

Zur Polizeigewalt im Hambacher Forst

Anlass zu diesem Text: dieses Video.

Ist gut, dass sich die Leute über Polizeigewalt in den USA aufregen. Ich hoffe nur, sie nehmen auch die seit Jahren immer wieder und überall in Deutschland wahrnehmbare massive Polizeigewalt wahr, die zwar nur selten tötet (man denke an Oury Jalloh), aber liebend gerne zuschlägt, zusprüht, wegspritzt, jagt und konzertiert lügt – fortlaufend Gesetze bricht und dem Geist des Grundgesetzes zuwiderhandelt.

Was man damit erreicht? Dass Menschen sich nicht mehr trauen zu protestieren und zu demonstrieren. Man kann sich nicht im Mindesten sicher sein, nicht versehrt zu werden, zumal, wenn man sich an einer linken Demonstration beteiligt. Würden die fettgemästeten und von Sorge umgetriebenen Bürger dieser Nation doch nur auch bei dieser von Polizisten ausgehenden, mitunter bald organisiert wirkenden Gewalt aufschreien und ihrem Unmut Luft machen.
Nichts. Linke darf man schlagen. Linke muss man schlagen. Die machen ja eh nichts als Ärger. O-Gedanken der Polizei. Schon gestern als ich ein Bild von Pfefferspray sprühenden Polizisten sah, sagte ich, als mittlerweile leider Vorbelasteter, dass das sicher wieder willkürliche Polizeigewalt war. Und heute dann ein entsprechender Bericht in der taz (darin neben dem oben verlinkten ein zweites Video).
Wir brauchen DRINGEND unabhängige Stellen, die Polizeigewalt aufklären und gewalttätige Polizisten anzeigen. Und wir brauchen DRINGEND Dienstnummern, also solche Markierungen, die eine Identifizierung einzelner Polizisten ermöglicht. Der überaus gefährliche Korpsgeist der Polizei müsste endlich von den in Machtposition befindlichen Politikern erkannt und gegeißelt werden – die Polizei hat ein massives strukturelles Problem.
Und das alles mal ganz unabhängig von dem unsäglichen Vorgang (eines unsäglichen Stromkonzerns), einen besonders schützenswerten Wald abzuholzen, um darunter nach Braunkohle zu graben und Natur und Umwelt also gleich doppelt eine mitzugeben.

Zur Hybris der Literaturwissenschaften

„Könnte es sein, dass sich einige Geisteswissenschaftler deshalb als besonders bedeutsam ausgeben, weil sie über keine konkreten gesellschaftlichen Machtbefugnisse verfügen?“ (dradio kultur, Titel: Die Hybris der Geisteswissenschaften)

Jemand aus meiner Freundesliste teilte auf Facebook einen Beitrag, Zitat so von der fb-Seite dradio kulturs selbst ausgewählt. Ich begann, meine Gedanken niederzuschreiben, mag sie jedoch nicht auf fb verlieren und teile sie darum hier:

Die Universitäten sind Räume, in denen man lernt gelehrt zu quatschen, das will ich vor allem für die Literaturwissenschaft aus eigener Erfahrung einmal betonen. Man beschwert sich mit so viel Ballast, die Denkfiguren, der Duktus, die äußeren Formen, um unsäglich viele Informationen zu produzieren, die schlicht keine Relevanz entfalten, weil sie keine Emotionen zu wecken vermögen. Das spannendste literaturwissenschaftliche Genre ist der Essay, den ich aber in diversen Jahren nie schreiben brauchte. Der Essay beinhaltet die Möglichkeit zu scheitern, er trägt das Spielerische noch in sich, er ist nicht abgeschlossen, vermag dabei jedoch rund zu erscheinen, ausgewogen. Er ist literarisch, er wird relevant, weil bzw. wenn er menschlich ist und zu interessierten Menschen spricht. All die kalten Formen wissenschaftlichen Schreibens aber, die in der Masse untergehenden, genormten, sind, zumindest im deutschsprachigen Raum, phänomenal überrepräsentiert und damit sinnbildlich für diese zurecht Hybris genannte, aus Schwäche resultierende Geisteshaltung. Was also sind alle die produzierten Informationen und Informationszusammenhänge wert, wenn sich niemand drum schert? Ein Blog wie Brain Pickings gewinnt eine Millionenanhängerschaft, denn die Leute sind sehr wohl an solchen Formen interessiert, die ein wirkliches Interesse verraten. Die Betreiberin schafft mit ihren Artikeln nicht nur durch ihre Reichweite Wert(e). All die universitären Machwerke hingegen bleiben inzestuös von Studierenden für Studierende, von Studierten für Studierte. Vielleicht braucht es eine solche universitäre Beschäftigung mit Literatur, der Apparat ist jedoch vollkommen aufgeblasen, und selbst wenn man also nun meint, es gebe ja auch immer mehr Literatur, so sei darauf hingewiesen, dass sich lediglich die inzestuöse Blase vergrößert.

Es fehlt nun eigentlich an einem Zwischenglied zwischen Interesse an Literatur und universitärer Beschäftigung mit ihr. Es braucht eine Beschäftigung mit Literatur aus Liebhaberschaft und weil man sich austauschen und verständigen möchte mit einer möglichst breiten Leserschaft (und gegebenenfalls Mitarbeiterschaft); zugleich sollte der Austausch nicht nur in der Breite möglich sein (sowohl was Themen als auch die Anzahl Interessierter angeht), sondern insbesondere auch in die Tiefe. Wichtig und interessant aber sollte hierbei sein, dass keine Hierarchisierung und keine Formalisierung erfolgt, stattdessen wünsche ich mir eine mutige, essayistische, also den Versuch betonende Herangehensweise an alle Themen und Formen und im Umgang auch mit verschiedenen Menschengruppen, denn Literatur und Bildung sollten kein Privileg der Privilegierten alleine sein. Es geht mir heute in meinen Gedanken nicht mehr eigentlich um eine Reform der Universität, es geht mir um eine Abkehr von ihr und eine Rückkehr ins Private. Und dieses Private sollte (in diesem Sinne) öffentlich werden, die Orientierung an Luxus und Konsum sollte einer Freude an den uns umgebenden Wundern weichen und der Austausch darüber mit einfach allen sollte ein Versuch durchaus einer neuen Gesellschaft sein, denn was anders als eine Revolution wäre denn das? Ich bin immer noch für Gerechtigkeit, für Umverteilung. Gleichzeitig aber bin ich für eine Umwertung: Wichtig wird es zu sein, Bedeutung verliert zu haben.

Ich lerne Persisch III

Durch mein Ziel, täglich mindestens eine Stunde lang mit meinem grünen Buch, dem Grundwortschatz Persisch, zu lernen, habe ich in den letzten Wochen nicht nur spürbar Wortschatz aufgebaut sowie meinen Denk- und Lesefluss im Persischen verbessert, ich habe es zudem geschafft, das Buch einmal von vorne bis hinten durchzuarbeiten. Natürlich besagt das nicht, ich habe nun den gesamten Wortschatz des Buches drauf, gleichwohl ist es ein wichtiger Meilenstein und für mich der Startschuss für einen neuen Marathon. Stellt sich die Frage, welches Buch ich als nächstes angehen sollte. Vorab jedoch: Ich plane, weiterhin täglich mit meinem grünen Buch umzugehen, zukünftig allerdings nur noch eine halbe Stunde pro Tag.
Zur Auswahl stehen mir im Prinzip drei Bücher, das rote Buch, i.e. das Grammatikarbeitsbuch „Basic Persian“, „The Routledge Introductory Persian Course“ und der „Sprachkurs Persisch“ aus dem Alefba-Verlag. Sowohl ersteres als auch letzteres hatte ich jeweils bereits in der Vergangenheit zur Hälfte durchgearbeitet, dann jedoch den Faden verloren. In beiden Fällen gälte es für mich, das jeweilige Buch noch einmal von vorne zu beginnen, gleichwohl ich die ersten Kapitel in einem gesteigerten, wenn auch nicht rasanten Tempo hinter mich bringen würde (arbeitet man zu schnell, überspränge man die Kapitel besser gleich ganz). Den Introductory Course hatte ich nur einmal bis etwa zum zweiten Kapitel erarbeitet, wie in einem früheren Beitrag wohl schon einmal erwähnt.
Lange Rede, gar kein Sinn, ich denke, ich halte mich die nächste Zeit an den Sprachkurs Persisch. Irgendwann nutzte sich für mich der Ansatz des grünen Buches bzw. mein Ansatz, es am Stück durcharbeiten zu wollen, ab. Ich wünsche mir ein paar längere, zusammenhängende Texte, schlicht: etwas Auflockerung. Danach böte sich sicher Basic Persian an, aber zu weit im Voraus sollte man nicht planen.
Eine weitere Sache, die ich für ein paar Tage, wenn auch die letzten dann nicht mehr, gemacht habe: Podcast hören. Chaiandconversation.com bietet einen kostenlosen Podcast über immerhin 60 Folgen an, nach 15 war erst einmal Schluss bei mir, ich mag aber feststellen, dass der Podcast gar nicht einmal schlecht fürs Hörverständnis ist, es ist auch recht erfrischend, wenn man normal mit einem Buch arbeitet und nur die eigene Stimme und Aussprache hört. Wer damit aber von Grund auf lernen mag, sei gewarnt: Transkripte kosten Geld, die Aussprache ist zumeist Teheraner Standard. Man lernt somit selbstverständlich nicht schreiben, noch die Hochsprache, noch ist es für jemanden, der eher systematisch vorgeht, immer einsichtig, wie die Sprache funktioniert. Man ist den Betreibern minunter auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, wie man so sagt. Es mag nur eine Kleinigkeit sein, aber wer die dritte Person Singular des Verbs sein „hast“ statt „ast“ spricht, vermag mich nachhaltig zu entsetzen. Nachhaltig auch deswegen, weil der Fehler nicht korrigiert wird. Die Form „hast“ gibt es tatsächlich, sie ist quasi eine Nebenform von „ast“, bedeutet allerdings „er/sie/es ist“ im Sinne von „er/sie/es existiert“. Das ist eine wirklich einfache Sache, die man in jedem Sprachkurs in dem Augenblick lernt, in dem man das Verb sein kennenlernt, also sehr früh. Der Gedanke „selber und besser machen“ liegt nahe. Keine Ahnung, ob es ein deutschsprachiges Äquivalent gibt; vielleicht mach ich ja in ferner Zukunft einmal etwas, denn grundsätzlich ist es sehr schön, anderen Menschen, etwas beizubringen. Und getreu dem Motto „Each one, teach one“ denke ich eh, wir sollten einander helfen und unsere Ressourcen teilen.
Bis Ende November gilt für mich also erst einmal, täglich eine Stunde mit dem Sprachkurs Persisch lernen, zudem durch halbstündiges Training mit dem grünen Buch meine Kenntnisse zu stabiliseren und sukzessive auszubauen.
Oh ja, ich probierte sowohl einen iranischen Film als auch eine Kinderserie auf Persisch zu sehen, konnte aber bei beiden nur einzelne Wörter verstehen. Gleichwohl empfand ich diesen Abgleich mit meinen Fähigkeiten insbesondere im Bereich des Hörverständnisses eher als motivierend denn als demotivierend – es gibt schlicht noch viel zu tun. Bis dahin.

Ich lerne Persisch II

Bis Ende des Monats wollte ich nun zwei Stunden pro Tag Persisch lernen, tatsächlich aber stellt sich die Sache etwas anders dar. Das Grammatik-Arbeitsbuch (ich nenne es vielleicht zukünftig schlicht „das rote Buch“) hatte ich nur zwei Tage lang zur Hand genommen, das grüne Buch, Grundwortschatz Persisch, bin ich hingegen konsequent jeden Tag eine Stunde durchgegangen, in den letzten Tagen sogar etwas mehr. Während ich einerseits der Ansicht bin, ich müsse massiv Wortschatz aufbauen, bin ich vor allem begeistert von meiner verbesserten Lesefähigkeit und einer sich allmählich einstellenden Selbstverständlichkeit bzgl. grammatikalischer Normen, zumindest wie sie in den Beispielsätzen des Buches verwendet werden.
Aus Neugierde nahm ich eine zweisprachige Ausgabe Persisch-Deutsch des iranischen Klassikers „Der kleine schwarze Fisch“ zur Hand und las immer zuerst den deutschen Satz, dann den persischen. Aus früheren Versuchen mit diesem an und für sich ja sogar noch vergleichsweise einfachen Buch (wie ich annehme…) weiß ich, dass ich Fortschritte gemacht habe, sowohl was die Verständnisfähigkeit der grammatischen Strukturen der einzelnen Sätze als auch was den Wortschatz anbelangt, dennoch fehlt noch sehr viel und was mich frustriert, ganz allgemein, ist die Tatsache, dass man oft nicht genau weiß, wie ein Wort gesprochen werden muss. Man wünscht sich einen Muttersprachler an die Seite, der mit einem den Text geduldig Wort für Wort durchgeht – die Alternativen lauten, leider, jedes Wort im Wörterbuch nachzuschlagen, oder aber, im Text voranzuschreiten und die noch unbekannten Wörter so ein wenig zu ignorieren. Selbst wenn durch die Übersetzung auf der linken Seite klar ist, was das Wort bedeuten müsste, fällt es mir schwer, es abzuspeichern, wenn ich es nicht aussprechen kann. Da liegt dann ein weiterer, allerdings nicht eben konstruktiver Gedanke nahe: Ich wünschte, ich lernte eine andere Sprache, eine mit lateinischem Alphabet. Mitunter frage ich mich, warum ich nicht besser in Französisch bin; es kann nur an fehlendem Willen liegen bzw. an mangelndem Realismus, wie viel man investieren muss, um eine Sprache beherrschen zu lernen. Aber man stelle sich vor, man lernt mit einem Grundwortschatz-Buch analog zu meinem persischen und liest dann nach ein paar Wochen ein zweisprachiges Buch und kann dann, weil man die Ausspracheregeln beherrscht und es sich um Französisch und nicht um Englisch handelt, vergleichend lesend und so vergleichend lesen seinen Wortschatz noch weiter ausbauen und festigen und, das ist das wichtigste, man kann unbeschwert Spaß mit der Sprache haben. Aber noch jedes Mal, wenn ich einen solchen (persischsprachigen) Text in die Hand nahm, hörte ich bald auf, ob der schieren Sinnlosigkeit, einen Text lesen und sich dadurch sprachlich verbessern zu wollen, dessen Wörter man nicht einmal vernünftig aussprechen kann.
Auf der Straße kann ich seit Jahren bereits zuverlässig erkennen, ob jemand Persisch spricht. Aber es gelingt mir nicht, ihrem Sprechtempo zu folgen, auch, weil ich die Umgangssprache nicht gewöhnt bin. Erwähne ich, dass ich ein wenig Persisch könne, überfordert mich selbst die leichteste Gesprächssituation, Persisch wirkt auf mich dann schnell und wild, ich werde hektisch und bin wie vor den Kopf gestoßen.
Allerdings muss ich sagen, habe ich die Sprache im akademischen Rahmen gelernt und das auch nur drei Semester. Dort lernte ich nur die Standardsprache (nicht Teheraner Standard), ich lernte Grammatik und ein Minimum Wortschatz. Man hat nie genug Sprechpraxis, man übt einfach insgesamt viel zu wenig. Statt zu sagen, die Schüler sollten keine Sorge haben, Persisch sei süß (fârsi shirin ast), hätten sie besser gewarnt: Die Sprache zuletzt wirklich auditiv verstehen, sprechen und lesen zu können, wird nicht von alleine kommen oder indem ihr tut, was ihr tun müsst, um mit gut oder sehr gut zu abzuschließen, sondern nur durch Übung, Übung, Übung.
Und das ist, was mir wiederum Mut macht. Was mir heute schwer erscheint und Angst bereitet, wird sich in Stolz und Glück verwandeln. Nichts anderes empfand ich, als mir beim Schach Dinge gelangen, von denen ich zunächst nicht hätte träumen können, weil ich von ihnen keine Vorstellung hatte. Die größten Fortschritte machte ich dort immer dann, wenn ich ausgiebig Taktik-Training betrieb. Eine Stunde pro Tag löste ich dann Probleme, bei denen in einer gegebenen Stellung eine spielentscheidene Aktion möglich war. Das ist etwas sehr Kontemplatives, manchmal saß ich die gesamte Stunde vor einer einzigen Taktik-Aufgabe, bis ich sie schließlich löste. Zuletzt kam ich auf einer sehr guten Taktik-Website unter die besten zehn Prozent, ein Meilenstein, den zu erreichen ich, zumal in so kurzer Zeit, nicht für möglich gehalten hätte. Auch im Spiel mit anderen ist man dann in der Lage, durch seine taktischen Fähigkeiten Spiele für sich zu entscheiden, was, je nachdem wie schwer die Taktik zu sehen war, schon einmal ein ziemliches Hochgefühl auslösen kann.
Gleiches erwarte ich mir für die Beschäftigung mit dem grünen Buch: Wenn ich nur täglich lerne, stellen sich Erfolge ein. Die ersten bemerke ich bereits und ich bin dankbar, allmählich in einen Flow zu kommen. Noch stärker als beim Schach gilt beim Persischen für mich aber: alles oder nichts. Erst wenn ich die Sprache wirklich gut beherrsche, werde ich Zeitungen lesen, Filme sehen, Nachrichten hören, Musik verstehen, mich mit Menschen unterhalten können und Texte wie z.B. Gedichte für andere (und mich) übersetzen können. Wenn man es schafft, sich ein wenig zu disziplinieren und mit dem Herzen dabeizusein (inter-esse – beim Lernen ist wichtig, wo deine Gedanken sind), ist nicht abzusehen, wie hoch hinaus es geht. Darum stecke ich mir keine Ziele bis dann und dann, ich will nur sein, nicht haben.