Ich bin bald bereit für ein New-York-Casting

Ich bin gerade erst mal so richtig ausgeflippt: Ich fahr mit dem Rad auf dem Radstreifen auf eine Kreuzung zu, die Autos dürfen nicht ganz bis nach vorn fahren, Radfahrer haben so ein bisschen Vorfahrt. Natürlich steht der erste Wagen auf dieser für Radfahrer reservierten Poleposition, die Ampel schaltet auf Grün, bevor ich das Auto mit Schwung umkurven könnte (natürlich auch auf meine Gefahr hin), also will ich in die entstehende Lücke, nur lässt mich Arschloch Nummer zwei natürlich nicht hinein, drängt und drängelt und hupt zuletzt. Ich, wie von der Tarantel gebissen, springe vom Fahrrad, brüll zum Auto, die wollen lieber doch nicht aussteigen, fahren weg, die nachfolgende Autofahrerin, nennen wir sie liebevoll Arschloch Nummer drei, will gelangweilt, ich möge Platz machen. Das musst du dir mal geben, da rastet einer aus und dürfte für die Autofahrer klar verständlich sein, ich weise wiederholt auf mein beschissenes Recht gegenüber diesen fossilen Dreckschleudern und ihren Autos hin, aber das juckt diese fetten, bürgerlichen Arschlöcher kein Stück. Da hilft nichts, da hilft nicht auf sein Recht hinzuweisen, da hilft nicht, ihnen „Ihr BESCHEUERTEN!!!“ hinterherzubrüllen.

Ich versuche es im Allgemeinen mit Liebe und Rücksicht, nur die Rücksicht mit Ignoranten will mir partout nicht gelingen, da kommt die Cholère in mir auf.

Mit dem Minimalabstand, den ich nun habe, kommt ein Bild: Alle sind peinlich berührt oder aber gelangweilt-genervt, denken sich: Was für ein Trottel. Das denken und sagen dann plötzlich auch Leute, von denen man das nicht erwartet hätte, selten so viel Einsamkeit. Aber ich weiß letztlich, welche Werte dahinterstehen. Sich still verhalten, angepasst sein, Contenance wahren und schön weiter in die falsche Richtung fahren.

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Zur Polizeigewalt im Hambacher Forst

Anlass zu diesem Text: dieses Video.

Ist gut, dass sich die Leute über Polizeigewalt in den USA aufregen. Ich hoffe nur, sie nehmen auch die seit Jahren immer wieder und überall in Deutschland wahrnehmbare massive Polizeigewalt wahr, die zwar nur selten tötet (man denke an Oury Jalloh), aber liebend gerne zuschlägt, zusprüht, wegspritzt, jagt und konzertiert lügt – fortlaufend Gesetze bricht und dem Geist des Grundgesetzes zuwiderhandelt.

Was man damit erreicht? Dass Menschen sich nicht mehr trauen zu protestieren und zu demonstrieren. Man kann sich nicht im Mindesten sicher sein, nicht versehrt zu werden, zumal, wenn man sich an einer linken Demonstration beteiligt. Würden die fettgemästeten und von Sorge umgetriebenen Bürger dieser Nation doch nur auch bei dieser von Polizisten ausgehenden, mitunter bald organisiert wirkenden Gewalt aufschreien und ihrem Unmut Luft machen.
Nichts. Linke darf man schlagen. Linke muss man schlagen. Die machen ja eh nichts als Ärger. O-Gedanken der Polizei. Schon gestern als ich ein Bild von Pfefferspray sprühenden Polizisten sah, sagte ich, als mittlerweile leider Vorbelasteter, dass das sicher wieder willkürliche Polizeigewalt war. Und heute dann ein entsprechender Bericht in der taz (darin neben dem oben verlinkten ein zweites Video).
Wir brauchen DRINGEND unabhängige Stellen, die Polizeigewalt aufklären und gewalttätige Polizisten anzeigen. Und wir brauchen DRINGEND Dienstnummern, also solche Markierungen, die eine Identifizierung einzelner Polizisten ermöglicht. Der überaus gefährliche Korpsgeist der Polizei müsste endlich von den in Machtposition befindlichen Politikern erkannt und gegeißelt werden – die Polizei hat ein massives strukturelles Problem.
Und das alles mal ganz unabhängig von dem unsäglichen Vorgang (eines unsäglichen Stromkonzerns), einen besonders schützenswerten Wald abzuholzen, um darunter nach Braunkohle zu graben und Natur und Umwelt also gleich doppelt eine mitzugeben.

Zur Hybris der Literaturwissenschaften

„Könnte es sein, dass sich einige Geisteswissenschaftler deshalb als besonders bedeutsam ausgeben, weil sie über keine konkreten gesellschaftlichen Machtbefugnisse verfügen?“ (dradio kultur, Titel: Die Hybris der Geisteswissenschaften)

Jemand aus meiner Freundesliste teilte auf Facebook einen Beitrag, Zitat so von der fb-Seite dradio kulturs selbst ausgewählt. Ich begann, meine Gedanken niederzuschreiben, mag sie jedoch nicht auf fb verlieren und teile sie darum hier:

Die Universitäten sind Räume, in denen man lernt gelehrt zu quatschen, das will ich vor allem für die Literaturwissenschaft aus eigener Erfahrung einmal betonen. Man beschwert sich mit so viel Ballast, die Denkfiguren, der Duktus, die äußeren Formen, um unsäglich viele Informationen zu produzieren, die schlicht keine Relevanz entfalten, weil sie keine Emotionen zu wecken vermögen. Das spannendste literaturwissenschaftliche Genre ist der Essay, den ich aber in diversen Jahren nie schreiben brauchte. Der Essay beinhaltet die Möglichkeit zu scheitern, er trägt das Spielerische noch in sich, er ist nicht abgeschlossen, vermag dabei jedoch rund zu erscheinen, ausgewogen. Er ist literarisch, er wird relevant, weil bzw. wenn er menschlich ist und zu interessierten Menschen spricht. All die kalten Formen wissenschaftlichen Schreibens aber, die in der Masse untergehenden, genormten, sind, zumindest im deutschsprachigen Raum, phänomenal überrepräsentiert und damit sinnbildlich für diese zurecht Hybris genannte, aus Schwäche resultierende Geisteshaltung. Was also sind alle die produzierten Informationen und Informationszusammenhänge wert, wenn sich niemand drum schert? Ein Blog wie Brain Pickings gewinnt eine Millionenanhängerschaft, denn die Leute sind sehr wohl an solchen Formen interessiert, die ein wirkliches Interesse verraten. Die Betreiberin schafft mit ihren Artikeln nicht nur durch ihre Reichweite Wert(e). All die universitären Machwerke hingegen bleiben inzestuös von Studierenden für Studierende, von Studierten für Studierte. Vielleicht braucht es eine solche universitäre Beschäftigung mit Literatur, der Apparat ist jedoch vollkommen aufgeblasen, und selbst wenn man also nun meint, es gebe ja auch immer mehr Literatur, so sei darauf hingewiesen, dass sich lediglich die inzestuöse Blase vergrößert.

Es fehlt nun eigentlich an einem Zwischenglied zwischen Interesse an Literatur und universitärer Beschäftigung mit ihr. Es braucht eine Beschäftigung mit Literatur aus Liebhaberschaft und weil man sich austauschen und verständigen möchte mit einer möglichst breiten Leserschaft (und gegebenenfalls Mitarbeiterschaft); zugleich sollte der Austausch nicht nur in der Breite möglich sein (sowohl was Themen als auch die Anzahl Interessierter angeht), sondern insbesondere auch in die Tiefe. Wichtig und interessant aber sollte hierbei sein, dass keine Hierarchisierung und keine Formalisierung erfolgt, stattdessen wünsche ich mir eine mutige, essayistische, also den Versuch betonende Herangehensweise an alle Themen und Formen und im Umgang auch mit verschiedenen Menschengruppen, denn Literatur und Bildung sollten kein Privileg der Privilegierten alleine sein. Es geht mir heute in meinen Gedanken nicht mehr eigentlich um eine Reform der Universität, es geht mir um eine Abkehr von ihr und eine Rückkehr ins Private. Und dieses Private sollte (in diesem Sinne) öffentlich werden, die Orientierung an Luxus und Konsum sollte einer Freude an den uns umgebenden Wundern weichen und der Austausch darüber mit einfach allen sollte ein Versuch durchaus einer neuen Gesellschaft sein, denn was anders als eine Revolution wäre denn das? Ich bin immer noch für Gerechtigkeit, für Umverteilung. Gleichzeitig aber bin ich für eine Umwertung: Wichtig wird es zu sein, Bedeutung verliert zu haben.

Ich lerne Persisch III

Durch mein Ziel, täglich mindestens eine Stunde lang mit meinem grünen Buch, dem Grundwortschatz Persisch, zu lernen, habe ich in den letzten Wochen nicht nur spürbar Wortschatz aufgebaut sowie meinen Denk- und Lesefluss im Persischen verbessert, ich habe es zudem geschafft, das Buch einmal von vorne bis hinten durchzuarbeiten. Natürlich besagt das nicht, ich habe nun den gesamten Wortschatz des Buches drauf, gleichwohl ist es ein wichtiger Meilenstein und für mich der Startschuss für einen neuen Marathon. Stellt sich die Frage, welches Buch ich als nächstes angehen sollte. Vorab jedoch: Ich plane, weiterhin täglich mit meinem grünen Buch umzugehen, zukünftig allerdings nur noch eine halbe Stunde pro Tag.
Zur Auswahl stehen mir im Prinzip drei Bücher, das rote Buch, i.e. das Grammatikarbeitsbuch „Basic Persian“, „The Routledge Introductory Persian Course“ und der „Sprachkurs Persisch“ aus dem Alefba-Verlag. Sowohl ersteres als auch letzteres hatte ich jeweils bereits in der Vergangenheit zur Hälfte durchgearbeitet, dann jedoch den Faden verloren. In beiden Fällen gälte es für mich, das jeweilige Buch noch einmal von vorne zu beginnen, gleichwohl ich die ersten Kapitel in einem gesteigerten, wenn auch nicht rasanten Tempo hinter mich bringen würde (arbeitet man zu schnell, überspränge man die Kapitel besser gleich ganz). Den Introductory Course hatte ich nur einmal bis etwa zum zweiten Kapitel erarbeitet, wie in einem früheren Beitrag wohl schon einmal erwähnt.
Lange Rede, gar kein Sinn, ich denke, ich halte mich die nächste Zeit an den Sprachkurs Persisch. Irgendwann nutzte sich für mich der Ansatz des grünen Buches bzw. mein Ansatz, es am Stück durcharbeiten zu wollen, ab. Ich wünsche mir ein paar längere, zusammenhängende Texte, schlicht: etwas Auflockerung. Danach böte sich sicher Basic Persian an, aber zu weit im Voraus sollte man nicht planen.
Eine weitere Sache, die ich für ein paar Tage, wenn auch die letzten dann nicht mehr, gemacht habe: Podcast hören. Chaiandconversation.com bietet einen kostenlosen Podcast über immerhin 60 Folgen an, nach 15 war erst einmal Schluss bei mir, ich mag aber feststellen, dass der Podcast gar nicht einmal schlecht fürs Hörverständnis ist, es ist auch recht erfrischend, wenn man normal mit einem Buch arbeitet und nur die eigene Stimme und Aussprache hört. Wer damit aber von Grund auf lernen mag, sei gewarnt: Transkripte kosten Geld, die Aussprache ist zumeist Teheraner Standard. Man lernt somit selbstverständlich nicht schreiben, noch die Hochsprache, noch ist es für jemanden, der eher systematisch vorgeht, immer einsichtig, wie die Sprache funktioniert. Man ist den Betreibern minunter auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, wie man so sagt. Es mag nur eine Kleinigkeit sein, aber wer die dritte Person Singular des Verbs sein „hast“ statt „ast“ spricht, vermag mich nachhaltig zu entsetzen. Nachhaltig auch deswegen, weil der Fehler nicht korrigiert wird. Die Form „hast“ gibt es tatsächlich, sie ist quasi eine Nebenform von „ast“, bedeutet allerdings „er/sie/es ist“ im Sinne von „er/sie/es existiert“. Das ist eine wirklich einfache Sache, die man in jedem Sprachkurs in dem Augenblick lernt, in dem man das Verb sein kennenlernt, also sehr früh. Der Gedanke „selber und besser machen“ liegt nahe. Keine Ahnung, ob es ein deutschsprachiges Äquivalent gibt; vielleicht mach ich ja in ferner Zukunft einmal etwas, denn grundsätzlich ist es sehr schön, anderen Menschen, etwas beizubringen. Und getreu dem Motto „Each one, teach one“ denke ich eh, wir sollten einander helfen und unsere Ressourcen teilen.
Bis Ende November gilt für mich also erst einmal, täglich eine Stunde mit dem Sprachkurs Persisch lernen, zudem durch halbstündiges Training mit dem grünen Buch meine Kenntnisse zu stabiliseren und sukzessive auszubauen.
Oh ja, ich probierte sowohl einen iranischen Film als auch eine Kinderserie auf Persisch zu sehen, konnte aber bei beiden nur einzelne Wörter verstehen. Gleichwohl empfand ich diesen Abgleich mit meinen Fähigkeiten insbesondere im Bereich des Hörverständnisses eher als motivierend denn als demotivierend – es gibt schlicht noch viel zu tun. Bis dahin.

Ich lerne Persisch II

Bis Ende des Monats wollte ich nun zwei Stunden pro Tag Persisch lernen, tatsächlich aber stellt sich die Sache etwas anders dar. Das Grammatik-Arbeitsbuch (ich nenne es vielleicht zukünftig schlicht „das rote Buch“) hatte ich nur zwei Tage lang zur Hand genommen, das grüne Buch, Grundwortschatz Persisch, bin ich hingegen konsequent jeden Tag eine Stunde durchgegangen, in den letzten Tagen sogar etwas mehr. Während ich einerseits der Ansicht bin, ich müsse massiv Wortschatz aufbauen, bin ich vor allem begeistert von meiner verbesserten Lesefähigkeit und einer sich allmählich einstellenden Selbstverständlichkeit bzgl. grammatikalischer Normen, zumindest wie sie in den Beispielsätzen des Buches verwendet werden.
Aus Neugierde nahm ich eine zweisprachige Ausgabe Persisch-Deutsch des iranischen Klassikers „Der kleine schwarze Fisch“ zur Hand und las immer zuerst den deutschen Satz, dann den persischen. Aus früheren Versuchen mit diesem an und für sich ja sogar noch vergleichsweise einfachen Buch (wie ich annehme…) weiß ich, dass ich Fortschritte gemacht habe, sowohl was die Verständnisfähigkeit der grammatischen Strukturen der einzelnen Sätze als auch was den Wortschatz anbelangt, dennoch fehlt noch sehr viel und was mich frustriert, ganz allgemein, ist die Tatsache, dass man oft nicht genau weiß, wie ein Wort gesprochen werden muss. Man wünscht sich einen Muttersprachler an die Seite, der mit einem den Text geduldig Wort für Wort durchgeht – die Alternativen lauten, leider, jedes Wort im Wörterbuch nachzuschlagen, oder aber, im Text voranzuschreiten und die noch unbekannten Wörter so ein wenig zu ignorieren. Selbst wenn durch die Übersetzung auf der linken Seite klar ist, was das Wort bedeuten müsste, fällt es mir schwer, es abzuspeichern, wenn ich es nicht aussprechen kann. Da liegt dann ein weiterer, allerdings nicht eben konstruktiver Gedanke nahe: Ich wünschte, ich lernte eine andere Sprache, eine mit lateinischem Alphabet. Mitunter frage ich mich, warum ich nicht besser in Französisch bin; es kann nur an fehlendem Willen liegen bzw. an mangelndem Realismus, wie viel man investieren muss, um eine Sprache beherrschen zu lernen. Aber man stelle sich vor, man lernt mit einem Grundwortschatz-Buch analog zu meinem persischen und liest dann nach ein paar Wochen ein zweisprachiges Buch und kann dann, weil man die Ausspracheregeln beherrscht und es sich um Französisch und nicht um Englisch handelt, vergleichend lesend und so vergleichend lesen seinen Wortschatz noch weiter ausbauen und festigen und, das ist das wichtigste, man kann unbeschwert Spaß mit der Sprache haben. Aber noch jedes Mal, wenn ich einen solchen (persischsprachigen) Text in die Hand nahm, hörte ich bald auf, ob der schieren Sinnlosigkeit, einen Text lesen und sich dadurch sprachlich verbessern zu wollen, dessen Wörter man nicht einmal vernünftig aussprechen kann.
Auf der Straße kann ich seit Jahren bereits zuverlässig erkennen, ob jemand Persisch spricht. Aber es gelingt mir nicht, ihrem Sprechtempo zu folgen, auch, weil ich die Umgangssprache nicht gewöhnt bin. Erwähne ich, dass ich ein wenig Persisch könne, überfordert mich selbst die leichteste Gesprächssituation, Persisch wirkt auf mich dann schnell und wild, ich werde hektisch und bin wie vor den Kopf gestoßen.
Allerdings muss ich sagen, habe ich die Sprache im akademischen Rahmen gelernt und das auch nur drei Semester. Dort lernte ich nur die Standardsprache (nicht Teheraner Standard), ich lernte Grammatik und ein Minimum Wortschatz. Man hat nie genug Sprechpraxis, man übt einfach insgesamt viel zu wenig. Statt zu sagen, die Schüler sollten keine Sorge haben, Persisch sei süß (fârsi shirin ast), hätten sie besser gewarnt: Die Sprache zuletzt wirklich auditiv verstehen, sprechen und lesen zu können, wird nicht von alleine kommen oder indem ihr tut, was ihr tun müsst, um mit gut oder sehr gut zu abzuschließen, sondern nur durch Übung, Übung, Übung.
Und das ist, was mir wiederum Mut macht. Was mir heute schwer erscheint und Angst bereitet, wird sich in Stolz und Glück verwandeln. Nichts anderes empfand ich, als mir beim Schach Dinge gelangen, von denen ich zunächst nicht hätte träumen können, weil ich von ihnen keine Vorstellung hatte. Die größten Fortschritte machte ich dort immer dann, wenn ich ausgiebig Taktik-Training betrieb. Eine Stunde pro Tag löste ich dann Probleme, bei denen in einer gegebenen Stellung eine spielentscheidene Aktion möglich war. Das ist etwas sehr Kontemplatives, manchmal saß ich die gesamte Stunde vor einer einzigen Taktik-Aufgabe, bis ich sie schließlich löste. Zuletzt kam ich auf einer sehr guten Taktik-Website unter die besten zehn Prozent, ein Meilenstein, den zu erreichen ich, zumal in so kurzer Zeit, nicht für möglich gehalten hätte. Auch im Spiel mit anderen ist man dann in der Lage, durch seine taktischen Fähigkeiten Spiele für sich zu entscheiden, was, je nachdem wie schwer die Taktik zu sehen war, schon einmal ein ziemliches Hochgefühl auslösen kann.
Gleiches erwarte ich mir für die Beschäftigung mit dem grünen Buch: Wenn ich nur täglich lerne, stellen sich Erfolge ein. Die ersten bemerke ich bereits und ich bin dankbar, allmählich in einen Flow zu kommen. Noch stärker als beim Schach gilt beim Persischen für mich aber: alles oder nichts. Erst wenn ich die Sprache wirklich gut beherrsche, werde ich Zeitungen lesen, Filme sehen, Nachrichten hören, Musik verstehen, mich mit Menschen unterhalten können und Texte wie z.B. Gedichte für andere (und mich) übersetzen können. Wenn man es schafft, sich ein wenig zu disziplinieren und mit dem Herzen dabeizusein (inter-esse – beim Lernen ist wichtig, wo deine Gedanken sind), ist nicht abzusehen, wie hoch hinaus es geht. Darum stecke ich mir keine Ziele bis dann und dann, ich will nur sein, nicht haben.

Ich lerne Persisch

Aus Gründen habe ich die Sprache nie so gelernt, dass ich mit ihr irgendetwas bewerkstelligen könnte. Ich kann keine Bücher lesen, mich nicht unterhalten, kein Radio verstehen, eigentlich kann ich gar nichts. Und dafür viel zu viel.

Vor etwa sieben Jahren lernte ich meine ersten Wörter auf Persisch, die Wörter für „Tür“, „Fenster“, „geöffnet“, „geschlossen“, sowie „ist“. Daraus konnte man dann bereits einfache Sätze formen, die wortwörtlich „Tür geschlossen ist“ oder „Fenster geöffnet ist“ lauteten.
Ich lernte das Alphabet, ein paar grammatikalische Strukturen…
Aus Gründen habe ich die Sprache nie so gelernt, dass ich mit ihr irgendetwas bewerkstelligen könnte. Ich kann keine Bücher lesen, mich nicht unterhalten, kein Radio verstehen, eigentlich kann ich gar nichts. Und dafür viel zu viel. Es ist eine überaus frustrierende Erfahrung, viel in eine Sache zu investieren, Zeit, Mühe, auch Liebe, und alles was man zuletzt davon hat, ist ein übergroßer Stachel in deinem Stolz.
Ich dachte immer, kein sonderlich disziplinierter Mensch zu sein, jemand, der für eine Sache entflammen kann, dann aber nach wenigen Wochen mit ihr aufhört; vielleicht einer Lappalie wegen, vielleicht, weil der Zauber verflogen war. Vor einem Jahr aber bekam ich es immerhin hin, drei Monate lang regelmäßig (dreimal die Woche) laufen zu gehen, ich verbesserte meine Laufleistung von quasi null auf etwa zehn Kilometer pro Lauf. Danach hörte ich leider auf. Von Januar bis September lernte, übte und spielte ich beinahe unentwegt Schach. Zu Beginn wusste ich wie sich die Figuren bewegen, seither hat sich mein Spiel enorm verbessert.
Im September aber hörte ich dann auf zu spielen. Eine Sinnkrise trat ein, ich musste mich fragen, was ich wirklich wollte, wofür der enorme Aufwand lohnt. Gut, die Antwort ist nun auch keine Überraschung mehr.
Ich habe einige sehr brauchbare Bücher, die ich jedem ans Herz legen möchte, der sich vorstellen könnte, Persisch zu erlernen. Mein allererstes Persisch-Lehrwerk (das ich bis heute nicht durchgearbeitet habe, nur immer wieder bis etwa zu der Stelle, wo das letzte Drittel des Buches beginnt) heißt schlicht „Sprachkurs Persisch“ und ist von Behzad und Divshali. Ich bin nicht eigentlich auf dem neuesten Stand, was die Lehrbücher angeht, habe aber kein besseres deutschsprachiges gefunden. Ein Buch, dass es vor sieben Jahren leider noch nicht gab, ist der „Grundwortschatz Persisch“ von Sanati aus dem Buske-Verlag. Ich werde die Bücher hier nicht besprechen, gehe aber gerne auf Nachfragen ein. Dieses Buch jedoch will ich wirklich jedem ganz besonders ans Herz legen; zu jeder neuen Vokabel, thematisch angeordnet, gibt es einen Beispielsatz, alles in beiden Sprachen plus latinisierte Version des Persischen. Das Buch ist nicht perfekt, aber nah dran. Es gibt mittlerweile von Pons ein Bilderwörterbuch für Persisch, aber das muss man nicht wirklich haben. Das kleine Wörterbuch von Langenscheidt muss man auch nicht wirklich haben. Wirklich brauchbar, aber teuer und unpraktisch ist beispielsweise das Wörterbuch Persisch-Deutsch (nur in diese Richtung) von Junker und Alavi aus dem Harrassowitz-Verlag.
Wer des Englischen so einigermaßen mächtig ist, dem empfehle ich, was persische Sprachbücher angeht, nachdrücklich Routledge (wer noch andere tolle Verlage kennt, bitte melden), hier insbesondere das Buch „Basic Persian“ von Yousef und Torabi. An und für sich ist das lediglich eine Grammatik, aber eine wirklich praktische. Man könnte fast damit allein Persisch lernen; der Aufbau ist sehr logisch, vom Einfachen zum Schweren, es gibt Übungen, die dich aktiv werden lassen, absolut großartig. Dafür gibt es Pendants zu anderen Sprachen, ich habe allerdings das für Arabisch probiert und war entsetzt. Hier also Vorsicht, wer sich auf die Internetpräsenz des Verlages begibt. Meine Erkenntnisse sind konkret, sie lassen sich nicht problemlos übertragen.
Darauf aufbauend gibt es das Buch „Intermediate Persian“, das ich allerdings noch nicht bearbeitet habe. Ebenfalls interessant ist das Buch „The Routledge Introductory Persian Course“ (darauf aufbauend das gleiche mit Intermediate) von Brookshaw und Jadidi. Hierfür empfehle ich bereits gewisse Persischkenntnisse, dann aber eröffnet das Buch neue Horizonte. Lehrbücher, die für den universitären Gebrauch, nicht aber für den Selbstlerner entworfen wurden, sind immer eine gewisse Herausforderung. Da ich dieses Buch selbst nur einmal bis ich glaube zum zweiten Kapitel durchging, komme ich sicher noch einmal in zukünftigen Beiträgen darauf zurück.
Zurückkommend auf meine drei- und neunmonatigen Erfolgsgeschichten (zumindest solange sie währten), wünsche ich mir genau so etwas für meine Bemühungen, Persisch zu lernen. Um substantiellen Fortschritt zu machen, muss man Zeit investieren, und das regelmäßig. Ich beschließe also hiermit vorerst bis zum Ende des Monats täglich zwei Stunden Persisch zu lernen, um zu sehen, wohin es mich trägt. Konkret habe ich zwei Motivationen: Ich mag das erwähnte Grammatikbuch durcharbeiten. Und ich mag den Grundwortschatz durcharbeiten. Das sind beides keine Meilensteine, die ich in zwei, drei Wochen erreichen könnte, aber mit je einer Stunde Arbeit pro Tag werden sie vom Gefühl her vielleicht überhaupt erreichbar, und ist das nicht schon viel? Mein Fokus liegt dabei erst einmal auf Verständis. Das ist wahrscheinlich kritikwürdig…
Oh, ach ja: Das Laufen begann ich einfach. Schach ebenfalls. Eigentlich, also ganz eigentlich, ist also alles sehr einfach: Beginnen und nicht wieder aufhören.

Meine Motivation

Mangel muss der Mensch leiden.
In mir ist eine Unordnung entstanden, die jede Ordnung, die ich auferrichte, in sich aufnimmt. Ich wollte mich isolieren, für mich sein und allein kämpfen, der Schatten Herr werden und stolz und gestärkt zurück ins Licht treten. Tatsächlich aber beobachte ich eine Verödung, wüst liegt mein Leben darnieder. Mehr und mehr hatte ich, der ich einst ein Dichter werden musste, das Gefühl verloren, etwas sagen zu wollen. Wenn ich aber nichts mehr zu sagen habe, was tue ich dann noch unter den Menschen? Die jungen Leute machen sich auf den Weg, hoffnungsleicht und so scheinbar mühelos. Ich aber habe den Januskopf entwickelt, den zweiten Blick, den Blick nach hinten. Und wenn Julio Cortázar oder vielmehr Oliveira in Rayuela meint, mit 40 setze dieser bedauernswerte Zustand ein, so erwarte ich eine weitere Abnahme der Hoffnung auf ein gutes Morgen hin. Ohne ein Wunder wird sich mein Leben auf gewohnten Gleisen dem wohlbekannten Ende entgegenschieben. Bedauerte ich aber nicht vor kaum zehn Jahren jene armen Gestalten, die sich nach ihren Jugendjahren nie wieder veränderten? Die mit 40, 50 Jahren begannen, ihr Leben in Frage zu stellen und sich dann, um nur ja nichts ändern zu müssen, das sprichwörtliche Bonzenobjekt kaufen müssen, in der müden Hoffnung, dieses Artefakt der totalen Dekadenz würde sie über die trostlose Langeweile hinwegretten, die ihr Leben geworden war? Bedauerte ich sie nicht viel weniger, als dass ich sie offen verachtete, selbstsicher und entschlossen und voller Gewalt über mein Leben und gegen ihre Schwäche? Und dann taumelst du zunehmend tragischer von Verirrung zu Verirrung, dein Weg ist die road less taken, aber nur, weil die Mehrheit nicht so kläglich scheitert. Wenn du wenigstens heroisch wärst, den Alkohol dich und deine Leber und was von deiner Seele übrig ist zerstören lassen würdest, wie Werner Bräunig, mit dem ich zu gerne einmal geredet hätte. Aber er würde mich verachten, und das mit Recht. Vielleicht würde Carson McCullers mich nicht verachten. Beachten würde sie mich jedoch ebensowenig.
Ich schreib nicht gern für die schnelle Anerkennung; ich meine, ich tat es und tue es vielleicht immer noch, ich weiß nicht. Aber ich verachte diese Geschwindigkeit. Man schreibt nurmehr für den schnellen Kick, gib mir Anerkennung, Anerkennung, Anerkennung, aber was ich eigentlich will ist Liebe. Nichts weiter.
Wir sprechen mit Menschen und wir antworten ihnen auf Fragen, die wir erst Tage später als schmerzhaft empfinden und dann wünschen wir uns zurück und würden gerne um Hilfe schreien, unser Gegenüber anflehen, es möge einen Weg finden. Oder halt auch nicht, weil wir nicht so naiv sind, vom Gegenüber Hilfe oder gar Rettung zu erwarten, geschweige denn zu fordern. Und wenn wir doch einmal von uns sprechen, dann, dann… Dann sind wir uns der Unzulänglichkeit unserer Schilderung bewusst, niemand wird je den Weg zu unseren Herzen finden, wir sind Solitäre, einsam an einsam an einsam.
Was ich eigentlich will, sind Rauschzustände.
Was ich mit Macht fliehe, sind ebenjene. Falls mit Macht fliehen den Zustand trifft, in dem ich mich befinde: Kaugummi am Boden, ich klammere mich am Abgrund fest, innig geliebter Bordstein.
Ich laufe niemandem nach. Dieses eine Mal schreibe ich, wonach mir ist. Ein Skizzenbuch vielleicht, Portraits meiner selbst.

Wovon ich alles gerne Ahnung hätte. Und wovon ich Ahnung habe, aber nie genug, um den Abgrund zu überbrücken. Das eine ist die Anerkennung der Leichtgläubigen. Das andere die Anerkennung der Ahnungsvolleren, mich eingeschlossen. Es geht mir um mich.
Sicherlich von meinem Innenleben, von meinen Versuchen, Persisch zu lernen und in der Lage zu sein, Gedichte und Prosa zu lesen und zu übersetzen, von allem, was mich umtreibt und meinen inneren Zensor zu täuschen vermag. Wie oft ich schreibe und denke und schreiben will, aber es nicht vermag. Wenn Hoffnung eine Flamme ist, mag ich ihr Sauerstoff zuführen.
Was auch immer, was auch immer.