Ich lerne Persisch II

Bis Ende des Monats wollte ich nun zwei Stunden pro Tag Persisch lernen, tatsächlich aber stellt sich die Sache etwas anders dar. Das Grammatik-Arbeitsbuch (ich nenne es vielleicht zukünftig schlicht „das rote Buch“) hatte ich nur zwei Tage lang zur Hand genommen, das grüne Buch, Grundwortschatz Persisch, bin ich hingegen konsequent jeden Tag eine Stunde durchgegangen, in den letzten Tagen sogar etwas mehr. Während ich einerseits der Ansicht bin, ich müsse massiv Wortschatz aufbauen, bin ich vor allem begeistert von meiner verbesserten Lesefähigkeit und einer sich allmählich einstellenden Selbstverständlichkeit bzgl. grammatikalischer Normen, zumindest wie sie in den Beispielsätzen des Buches verwendet werden.
Aus Neugierde nahm ich eine zweisprachige Ausgabe Persisch-Deutsch des iranischen Klassikers „Der kleine schwarze Fisch“ zur Hand und las immer zuerst den deutschen Satz, dann den persischen. Aus früheren Versuchen mit diesem an und für sich ja sogar noch vergleichsweise einfachen Buch (wie ich annehme…) weiß ich, dass ich Fortschritte gemacht habe, sowohl was die Verständnisfähigkeit der grammatischen Strukturen der einzelnen Sätze als auch was den Wortschatz anbelangt, dennoch fehlt noch sehr viel und was mich frustriert, ganz allgemein, ist die Tatsache, dass man oft nicht genau weiß, wie ein Wort gesprochen werden muss. Man wünscht sich einen Muttersprachler an die Seite, der mit einem den Text geduldig Wort für Wort durchgeht – die Alternativen lauten, leider, jedes Wort im Wörterbuch nachzuschlagen, oder aber, im Text voranzuschreiten und die noch unbekannten Wörter so ein wenig zu ignorieren. Selbst wenn durch die Übersetzung auf der linken Seite klar ist, was das Wort bedeuten müsste, fällt es mir schwer, es abzuspeichern, wenn ich es nicht aussprechen kann. Da liegt dann ein weiterer, allerdings nicht eben konstruktiver Gedanke nahe: Ich wünschte, ich lernte eine andere Sprache, eine mit lateinischem Alphabet. Mitunter frage ich mich, warum ich nicht besser in Französisch bin; es kann nur an fehlendem Willen liegen bzw. an mangelndem Realismus, wie viel man investieren muss, um eine Sprache beherrschen zu lernen. Aber man stelle sich vor, man lernt mit einem Grundwortschatz-Buch analog zu meinem persischen und liest dann nach ein paar Wochen ein zweisprachiges Buch und kann dann, weil man die Ausspracheregeln beherrscht und es sich um Französisch und nicht um Englisch handelt, vergleichend lesend und so vergleichend lesen seinen Wortschatz noch weiter ausbauen und festigen und, das ist das wichtigste, man kann unbeschwert Spaß mit der Sprache haben. Aber noch jedes Mal, wenn ich einen solchen (persischsprachigen) Text in die Hand nahm, hörte ich bald auf, ob der schieren Sinnlosigkeit, einen Text lesen und sich dadurch sprachlich verbessern zu wollen, dessen Wörter man nicht einmal vernünftig aussprechen kann.
Auf der Straße kann ich seit Jahren bereits zuverlässig erkennen, ob jemand Persisch spricht. Aber es gelingt mir nicht, ihrem Sprechtempo zu folgen, auch, weil ich die Umgangssprache nicht gewöhnt bin. Erwähne ich, dass ich ein wenig Persisch könne, überfordert mich selbst die leichteste Gesprächssituation, Persisch wirkt auf mich dann schnell und wild, ich werde hektisch und bin wie vor den Kopf gestoßen.
Allerdings muss ich sagen, habe ich die Sprache im akademischen Rahmen gelernt und das auch nur drei Semester. Dort lernte ich nur die Standardsprache (nicht Teheraner Standard), ich lernte Grammatik und ein Minimum Wortschatz. Man hat nie genug Sprechpraxis, man übt einfach insgesamt viel zu wenig. Statt zu sagen, die Schüler sollten keine Sorge haben, Persisch sei süß (fârsi shirin ast), hätten sie besser gewarnt: Die Sprache zuletzt wirklich auditiv verstehen, sprechen und lesen zu können, wird nicht von alleine kommen oder indem ihr tut, was ihr tun müsst, um mit gut oder sehr gut zu abzuschließen, sondern nur durch Übung, Übung, Übung.
Und das ist, was mir wiederum Mut macht. Was mir heute schwer erscheint und Angst bereitet, wird sich in Stolz und Glück verwandeln. Nichts anderes empfand ich, als mir beim Schach Dinge gelangen, von denen ich zunächst nicht hätte träumen können, weil ich von ihnen keine Vorstellung hatte. Die größten Fortschritte machte ich dort immer dann, wenn ich ausgiebig Taktik-Training betrieb. Eine Stunde pro Tag löste ich dann Probleme, bei denen in einer gegebenen Stellung eine spielentscheidene Aktion möglich war. Das ist etwas sehr Kontemplatives, manchmal saß ich die gesamte Stunde vor einer einzigen Taktik-Aufgabe, bis ich sie schließlich löste. Zuletzt kam ich auf einer sehr guten Taktik-Website unter die besten zehn Prozent, ein Meilenstein, den zu erreichen ich, zumal in so kurzer Zeit, nicht für möglich gehalten hätte. Auch im Spiel mit anderen ist man dann in der Lage, durch seine taktischen Fähigkeiten Spiele für sich zu entscheiden, was, je nachdem wie schwer die Taktik zu sehen war, schon einmal ein ziemliches Hochgefühl auslösen kann.
Gleiches erwarte ich mir für die Beschäftigung mit dem grünen Buch: Wenn ich nur täglich lerne, stellen sich Erfolge ein. Die ersten bemerke ich bereits und ich bin dankbar, allmählich in einen Flow zu kommen. Noch stärker als beim Schach gilt beim Persischen für mich aber: alles oder nichts. Erst wenn ich die Sprache wirklich gut beherrsche, werde ich Zeitungen lesen, Filme sehen, Nachrichten hören, Musik verstehen, mich mit Menschen unterhalten können und Texte wie z.B. Gedichte für andere (und mich) übersetzen können. Wenn man es schafft, sich ein wenig zu disziplinieren und mit dem Herzen dabeizusein (inter-esse – beim Lernen ist wichtig, wo deine Gedanken sind), ist nicht abzusehen, wie hoch hinaus es geht. Darum stecke ich mir keine Ziele bis dann und dann, ich will nur sein, nicht haben.

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4 Kommentare zu „Ich lerne Persisch II“

  1. Hallo,
    was für ein motivierender Beitrag! Ich bewundere, dass du dein Ziel mit so viel Mühe und Interesse verfolgst. Gerade was Französisch angeht, sprichst du mir aus der Seele. Wenn ich jeden Tag zwei Stunden in die Sprache investieren würde, träten fast schon zwangsläufig Fortschritte ein. Stattdessen liebäugle ich auch mit nicht lateinischen Alphabeten und fand mich zuletzt in einem Ivritkurs wieder.
    Ich wünsche dir viel Spaß und Erfolg beim Lernen!
    Viele Grüße
    Jana

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    1. Liebe Jana,

      toda raba für deinen freundlichen Kommentar. Hebräisch ist eine besondere Sprache, ich hoffe sehr, du verfolgst sie weiter. Vor einigen Jahren belegte ich zwei Semester einen Sprachkurs in dem parallel biblisches sowie modernes Hebräisch, also Ivrit, gelehrt wurde. Ich fand damals das Konzept der Konsonantensprache gerade auch philosophisch sehr anregend. Allerdings erinnere ich mich auch, von der deutschen Sprache in jener Zeit als einer Heimatsprache gedacht zu haben, Hebräisch in verschiedenen Sprachformen mit zweifelhaftem Dozenten und Lehransatz, parallel dazu Persischkurse, das hatte ich mir zu viel aufgeladen. Arabisch wiederum vermochte mich nie zu fesseln, darum habe ich das nicht weiter verfolgt. Zuletzt lernt man gerade auch im Umgang mit „schweren“ Sprachen, dass die eigenen Ressourcen begrenzt sind, gerade auch die Motivation. Einer Sprache wirklich gerecht zu werden, erfordert viel Einsatz und zwar über einen langen Zeitraum. Die Vorstellung, so viel Zeit und Mühen aufzubringen, sollte tatsächlich aber motivieren, nicht erschreckend klingen. Wenn man diese Frage positiv für sich beantworten kann, ist doch eigentlich schon alles gesagt.

      Herzlichen Gruß,
      Michel

      P.S.: Leider hat sich so gut wie nichts von meinem Hebräisch im Bewusstsein gehalten. Das Alphabet dürfte ich noch können, ein paar ganz wenige Wörter wie „toda“ (die Kombination mit „raba“ fiel mir plötzlich noch ein, da änderte ich den Beginn des Kommentars) 🙂 Falls ich aber einmal nach Israel reisen sollte, würde ich mir sicher die Zeit nehmen, die Sprache noch einmal zu lernen. Was ist dein Beweggrund, Ivrit zu lernen?

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      1. Lieber Michel,

        auf das Hebräische bin ich über ein generelles Interesse am Judentum gekommen. Im Jüdischen Museum Berlin gab es eine Ausstellung zur Figur des Golems in der jüdischen Mythologie. Hier wurde besonders der Glaube an Wortmagie betont und daran, dass Schrift etwas erschaffen kann. Auch wenn ich keinen Golem erschaffen wollte, fand ich den Gedanken als passionierte Leserin sehr sympathisch und faszinierend. (Auch) deshalb habe ich damals einen Ivritkurs an der Uni besucht, musste das Lernen aber vor einiger Zeit einstellen, denn neben der Examensvorbereitung kann ich mich mit Lernen nicht so gut vom Lernen entspannen. Im Grunde würde ich auch lieber zuerst einen Kurs zu Biblischem Hebräisch besuchen, das reizt mich besonders unter historischen und theologischen Gesichtspunkten. Ich hoffe, dass nach dem Examen mehr Zeit für solche Interessen bleibt.

        Ein schönes Wochenende,
        Jana

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      2. Das jüdische Museum Berlin ist aber auch Muss – umso schlimmer, dass ich bislang noch nie drin war. Dass es den Ausschlag für dich gab, Hebräisch zu lernen, ein schöneres Kompliment kannst du den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen dort wohl nicht machen. Nur schade, dass wohl niemand von denen meinen Blog liest. 🙂
        Gerade was das Biblische Hebräisch angeht, gibt es ja wirklich einiges an tollem Material. Hatte einst ein Buch, darin war der gesamte Wortschatz der Bibel und zwar geordnet, vom häufigsten bis hin zu jenen, die nur ein einziges Mal auftauchen. Rein intellektuell ist es eine schöne Beschäftigung, nur muss ich die Bibel persönlich nicht im Original lesen und all die schönen Bücher über jüdische Mystik von Gershom Sholem, die ich damals in einem Anflug von Euphorie erwarb, sind ungelesen wieder in Hände gewandert, die ihre Seiten (hoffentlich) tatsächlich umblättern bzw. umblätterten. Wie du schon sagst, ist die Sprache gerade auch in dieser Hinsicht sehr interessant, der Zahlenwert der Buchstaben…

        Besten Gruß, lass es dir wohlergehen.

        Gefällt 1 Person

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