Zur Hybris der Literaturwissenschaften

„Könnte es sein, dass sich einige Geisteswissenschaftler deshalb als besonders bedeutsam ausgeben, weil sie über keine konkreten gesellschaftlichen Machtbefugnisse verfügen?“ (dradio kultur, Titel: Die Hybris der Geisteswissenschaften)

Jemand aus meiner Freundesliste teilte auf Facebook einen Beitrag, Zitat so von der fb-Seite dradio kulturs selbst ausgewählt. Ich begann, meine Gedanken niederzuschreiben, mag sie jedoch nicht auf fb verlieren und teile sie darum hier:

Die Universitäten sind Räume, in denen man lernt gelehrt zu quatschen, das will ich vor allem für die Literaturwissenschaft aus eigener Erfahrung einmal betonen. Man beschwert sich mit so viel Ballast, die Denkfiguren, der Duktus, die äußeren Formen, um unsäglich viele Informationen zu produzieren, die schlicht keine Relevanz entfalten, weil sie keine Emotionen zu wecken vermögen. Das spannendste literaturwissenschaftliche Genre ist der Essay, den ich aber in diversen Jahren nie schreiben brauchte. Der Essay beinhaltet die Möglichkeit zu scheitern, er trägt das Spielerische noch in sich, er ist nicht abgeschlossen, vermag dabei jedoch rund zu erscheinen, ausgewogen. Er ist literarisch, er wird relevant, weil bzw. wenn er menschlich ist und zu interessierten Menschen spricht. All die kalten Formen wissenschaftlichen Schreibens aber, die in der Masse untergehenden, genormten, sind, zumindest im deutschsprachigen Raum, phänomenal überrepräsentiert und damit sinnbildlich für diese zurecht Hybris genannte, aus Schwäche resultierende Geisteshaltung. Was also sind alle die produzierten Informationen und Informationszusammenhänge wert, wenn sich niemand drum schert? Ein Blog wie Brain Pickings gewinnt eine Millionenanhängerschaft, denn die Leute sind sehr wohl an solchen Formen interessiert, die ein wirkliches Interesse verraten. Die Betreiberin schafft mit ihren Artikeln nicht nur durch ihre Reichweite Wert(e). All die universitären Machwerke hingegen bleiben inzestuös von Studierenden für Studierende, von Studierten für Studierte. Vielleicht braucht es eine solche universitäre Beschäftigung mit Literatur, der Apparat ist jedoch vollkommen aufgeblasen, und selbst wenn man also nun meint, es gebe ja auch immer mehr Literatur, so sei darauf hingewiesen, dass sich lediglich die inzestuöse Blase vergrößert.

Es fehlt nun eigentlich an einem Zwischenglied zwischen Interesse an Literatur und universitärer Beschäftigung mit ihr. Es braucht eine Beschäftigung mit Literatur aus Liebhaberschaft und weil man sich austauschen und verständigen möchte mit einer möglichst breiten Leserschaft (und gegebenenfalls Mitarbeiterschaft); zugleich sollte der Austausch nicht nur in der Breite möglich sein (sowohl was Themen als auch die Anzahl Interessierter angeht), sondern insbesondere auch in die Tiefe. Wichtig und interessant aber sollte hierbei sein, dass keine Hierarchisierung und keine Formalisierung erfolgt, stattdessen wünsche ich mir eine mutige, essayistische, also den Versuch betonende Herangehensweise an alle Themen und Formen und im Umgang auch mit verschiedenen Menschengruppen, denn Literatur und Bildung sollten kein Privileg der Privilegierten alleine sein. Es geht mir heute in meinen Gedanken nicht mehr eigentlich um eine Reform der Universität, es geht mir um eine Abkehr von ihr und eine Rückkehr ins Private. Und dieses Private sollte (in diesem Sinne) öffentlich werden, die Orientierung an Luxus und Konsum sollte einer Freude an den uns umgebenden Wundern weichen und der Austausch darüber mit einfach allen sollte ein Versuch durchaus einer neuen Gesellschaft sein, denn was anders als eine Revolution wäre denn das? Ich bin immer noch für Gerechtigkeit, für Umverteilung. Gleichzeitig aber bin ich für eine Umwertung: Wichtig wird es zu sein, Bedeutung verliert zu haben.
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